Freitag, 3. Juni 2011

Buenos Aires - Zárate - San Nicolás de Los Arroyos - Rosario

Nach einer erholsamen Woche in Buenos Aires ist wieder Spannung angesagt. Am Tag der Abreise besuchen wir zuerst noch unsere zwei letzten Stunden Spanisch-Unterricht.

Spanisch-Untericht bei der sympathischen Majo
Danach die letzten Sachen einpacken und ab an den Hafen zur Migrationsbehoerde - wir muessen abchecken, ob unsere Dokumente sicher vollstaendig sind, um nicht in abgelegenen Gebieten "mit heruntergezogenen Hosen" dazustehen. Als Katja bis um 11.30 immer noch nicht zurueck ist, werde ich langsam etwas unruhig. Das Institut fuer Kartographie schliesst gemaess Angaben des Automobilverbandes schon um 12.00 Uhr. Dort muessen wir naemlich noch topographische Landkarten fuer eine spaeter eingeplante Passfahrt besorgen...diese wird's wohl sonst in Argentinien nirgends mehr geben (haben wir zugegebenermassen etwas spaet gecheckt :-)  ). Als Katja endlich erscheint, rasen wir mit dem Velo durch Buenos Aires. Wir muessen feststellen, dass wir bis 12.00 Uhr das Institut mit dem Velo nicht mehr erreichen koennen, muessen wir uns doch zwischendurch auf dem Stadtplan orientieren. Katja ruft mir verzweifelt zu: "Felix, nimm doch ein Taxi, das ist unsere einzige Chance". Etwas wiederwillig winke ich dem naechsten Taxi und lasse Katja mit den Velos zurueck. Obwohl ich den Taxifahrer ueber die Situation aufklaere, will er mit mir locker ueber unsere Veloreise plaudern. Als die Fahrt immer laenger dauert, werde ich etwas misstrauisch: "Mir wurde gesagt, diese Strasse sei gleich in der Naehe - wieso fahren wir trotzdem so lange?" frage ich missmutig. "Schau, dort siehst du schon den Strassennamen Avenida Cabilda...wir sind gleich da", entgegnet er ruhig. Um 11.55 Uhr haltet mein Taxi vor dem Institut und ich stuerme rein.

Nichts und niemand sieht danach aus, als wuerde das Institut naechstens schliessen. Ich erfahre, dass wir nicht richtig informiert worden sind: Das Institut ist bis um 14.00 Uhr geoeffnet. Schliesslich werden mir meine gesuchten Karten ausgedruckt. Da dies inklusive Bezahlung doch einige Zeit in Anspruch nimmt, nehme ich fuer den Rueckweg auch ein Taxi. Nach meiner Rueckkehr ist Katja erleichtert, hat sie mich doch etwa eine halbe Stunde frueher zurueckerwartet.

Zu allem Ueberfluss  beginnt es jetzt auch noch zu regnen. Unser Tagesziel, vollstaendig aus Buenos Aires rauszukommen rueckt weiter weg.

Abfahrt aus Buones Aires im Regen
Nach einigen Geduldsproben kommen wir schliesslich nach unserer bisher kuerzesten Etappe von nur etwas mehr als 20km doch noch in San Isidro an, wo wir uebernachten.

Am naechsten Tag kommen wir ueber die Autobahn endlich wieder raus aufs Land. Wir fuehlen uns richtig frei. Das Schoenste am Flachland ausserhalb von Staedten ist, dass der Himmel offen ist, also weder von Bergen, Huegeln, Hochhaeusern oder anderen Objekten "eingeschraenkt" wird.


Unterwegs gehen wir in einem Tankstellenrestaurant einen Kaffee trinken. Wir werden von einem aelteren Ehepaar angesprochen. Sie laestern ueber die aktuellen Politiker und prophezeihen uns, wo auf unserer Route es am schoensten sein wird. Sie haetten schon das ganze Land bereist. Wir werden ab und zu angesprochen und nicht selten ueberkommt uns das Gefuehl, dass in Argentinien bei einer solchen Veloreise von Einheimischen Parallelen zur Motorradreise ihres grossen Che Guevara gezogen werden. Dies kann man auch an der Begeisterung erkennen, die uns jeweils auf den Strassen entgegengebracht wird. Die Leute winken uns, heben den Daumen und rufen uns "Suerte" oder "Buon viaje" zu. Fuer Leser, welche auf einfache Weise mehr ueber die lange Motorradreise des jungen Che erfahren wollen, kann der Film "The Motorcycle Diaries" empfohlen werden.

Heute uebernachten wir in einer Provinzstadt namens Zarate. Hier in der Naehe stehen wichtige Industrien, wie die Brauerei des "Quilmes", Bier der Nation, oder die Herstellungsstaette des beliebten Pickups "Hilux" von Toyota.

 Leider zu wenig Sprungkraft...
Es faellt uns mittlerweile immer weniger schwer, lange Distanzen mit dem Velo zu bewaeltigen. Wir merken jedoch, dass die koerpereigenen Vorraete nicht mehr so gross sind wie anfangs Reise. Alle 10km essen wir etwas Kleines, um unter anderem den Blutzuckerspiegel bei der taeglichen Ausdauerleistung nicht in den Keller sinken zu lassen.

Unterwegs sehen wir seit mittlerweile hunderten von Kilometern staendig Wahlplakate und Wahlsprayereien - dies fuer Praesidentschafts-Wahlen, die erst im Oktober stattfinden...unglaublich. Nachdem wir aus Buenos Aires kommen, wo nicht wenige Leute ihr Essen aus den Abfallcontainern fischen, tauchen beim Anblick dieser Wahlpropaganda auch bei einem Nicht-Che Guevara Fragen auf.

Dank Katja's Orientierungssinn finden wir am naechsten Morgen schnell aus Zarate raus und starten zur mit 149km zweitlaengsten Etappe unserer bisherigen Reise.

Morgendliche Abfahrt aus Zárate
Es faellt auf, dass wir am Morgen mit den kuehlen Gelenken (morgens bei Abreise ist es momentan etwa 10ºC) kaum vorwaertskommen, es aber gegen Nachmittag immer besser laeuft. Zusaetzlich motiviert durch das Nahen des Zieles der Monsteretappe faehrt Katja auf einmal so schnell (in ihrem Rueckspiegel kann ich einen Big-Smile auf ihrem Gesicht erkennen :-)  ), dass ich ihr zurufen muss sie solle etwas "Gas wegnehmen", da sie sonst Gefahr laufen koennte, Kreislaufprobleme zu kriegen.

Kurz vor unserem Tagesziel St. Nicolas de Los Arroyos sehen wir einen idyllischen Zeltplatz an einem Fluss - diese Gelegenheit nutzen wir, nicht zuletzt auch zur Budget-Sanierung.
 
Nachtlager kurz vor San Nicolás
Die naechste Etappe soll uns in die Staatshauptstadt von Santa Fe bringen. Rosario wird von 1.2 Mio. Menschen bewohnt und ist als drittgroesste argentinische Stadt (nach Buenos Aires und Córdoba) wichtiges Industrie- und Exportzentrum.

Die Ruta 9 fuehrt uns direkt ins Stadtzentrum. Auch wenn ein Seitenstreifen, wo ueberhaupt existent, in schlechtem Zustand oder mit hinterlistigen Asphalt-Buckeln versehen ist, kommen wir verhaeltnismaessig leicht per Velo in die Grossstadt. Die Orientierung wird einem in diesen Staedten einfach gemacht, da die Strassen in einer rechtwinkligen Matrix angeordnet sind. Die Strassennamen sind auch immer etwa die gleichen: "Entre Rios", "Montevideo", "Paraguay" - um nur einige zu nennen. Katja und ich sind bei der Suche von Adressen ein gutes Team - waehrend sie meist das vertiefte Kartenstudium vorzieht, quatsche ich die Leute an und lasse mir den Weg erklaeren. Diese Informationsbasis war bis jetzt noch immer zielfuehrend. Katja's GPS-Geraet ist eher auf dem Lande wertvoll, da es keine Karte, sondern lediglich eingespeicherte Punkte und einige wenige geographische Informationen wie Fluesse anzeigt.

Die Hostelsuche gestaltet sich trotz vorbereiteter "Abklapperungsliste" etwas schwieriger, da unser Favorit besetzt ist und bei anderen Preis oder anderes nicht stimmen. Wir haben uns (solange moeglich) gegen Reservationen entschieden - erstens, da man die Ankunft an einem Ort nur zu einem gewissen Grad voraussagen kann und noch mehr, weil man Preis/Leistung in der Regel erst vor Ort verlaesslich erkennen kann. Der Fragenkatalog beim Betreten eines Hotels/Hostels hat sich seit Anfang Reise schon merklich erweitert. Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass zum Beispiel die Frage nach heissem Wasser zum Duschen oder jene nach der Zusammensetzung und Menge des Fruestuecks keineswegs fehl am Platz ist. Wird weniger geboten, ist dies fuer eher unkomplizierte Leute wie uns selten ein Problem. Wichtig ist aber, dass sich dieser Mangel dann auch im tieferen Preis niederschlaegt.

Rosario hat uns als Stadt positiv ueberrascht. Klar gibt es in solchen Grossstaedten immer auch viel zu viel Elend, doch bietet Rosario ein schmuckes Stadtzentrum mit Parks, Denkmaelern (zum Beispiel das Geburtshaus des Che Guevara oder das Bandera-Monument), Restaurants, haufenweise gemuetlicher Cafés und mit der "Córdoba" eine attraktive Einkaufsstrasse. 

La Bandera-Monument in Rosario

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