Freitag, 17. Juni 2011

Córdoba - Las Peñas - Villa de Maria - EL49 - Santiago del Estero - Termas de Rio Hondo - San Miguel de Tucuman

Nach den Ruhetagen in Córdoba ist unsere Reiselust gross. Mit Freuden packen wir unsere sieben Sachen und verlassen die Stadt.
Am ersten Reisetag haben wir zum ersten Mal so richtig schoen Rueckenwind, was uns trotz spaeter Abreise und Herausfinden aus der Stadt ermoeglicht, fast 110 km zurueckzulegen.

Das Glueck ist uns hold

Die Landschaft ist abwechslungsreicher als vor Córdoba. Wie sich auf den Photos leicht erkennen laesst, ist auch unglaublich, wie sich das Landschaftsbild von Córdoba bis zu Termas de Rio Hondo veraendert. Wir sehen endlose Felder mit verschiedener Frucht bis die Vegetation schliesslich immer karger wird und schliesslich fast gaenzlich aus Strauechern, Graesern und Kakteen besteht. Zwischen Villa de Maria und Termas gibt es am Rande der Strasse viele Verkaufsstaende von Einheimischen. Sie bieten Figuren aus verholzten Kakteen, Teppiche, Holzkohle, Tierfelle, Voegel, Schildkroeten, Honig und anderes feil.



In Villa de Maria koennen wir guenstig bei der Familia Navarro uebernachten, die hinter ihrem Restaurant noch Zimmer vermietet. Nach Villa de Maria beginnt das Gelaende merklich zu steigen. Die Steigung und der recht starke Gegenwind sind uns gute Trainingspartner fuer noch bevorstehende haertere Etappen.


Wegen des kuehlen Windes sind wir froh um unser Windstopper-Equipment, mit dem wir uns heute richtiggehend einmummen.


Schon bald werden wir fuer unsere Anstrengung mit dem Ausblick auf die umliegende Landschaft belohnt. Die Strasse zieht sich wie eine vertikale Schlangenlinie durchs Gelaende und kann vielfach mit einem Blick bis an den Horizont verfolgt werden.




Bei der dritten Tagesetappe wissen wir schon zum Vornhinein, dass wir mit grosser Wahrscheinlichkeit die Nacht im Zelt verbringen werden. Wir bevorzugen beim Zelten ausserhalb von Campingplaetzen, Einheimische zu fragen, ob wir auf deren Land uebernachten koennen. Da diese meist auch einen Hund besitzen, ist man dadurch zusaetzlich noch etwas abgesichert. Als wir uns ausgangs San Juan kurz vor 18.00 entschliessen, noch etwas weiterzufahren, will der Folgeort Cerrito einfach nicht kommen. Nach schon fast 100km brettern wir angetrieben vom schwindenden Tageslicht mit 30 km/h ueber die Ruta 9. Wir halten schon Ausschau nach einem passenden Strauch, hinter welchem wir unser Zelt ungeachtet von den passierenden Fahrzeugen aufstellen koennten, als wir in weiter Ferne ein Licht erkennen, dass sich nicht zu bewegen scheint. Unendlich langsam kommen wir der Lichtquelle naeher und nach einigen Minuten fahren teilt sich das eine Licht auf in mehrere - rundherum ist der Himmel schon beinahe gaenzlich schwarz. Zu unserer Erleichterung haben wir einen Ort erreicht, sehen allerdings nirgens ein Schild "Cerrito". 

Eingangs Ort fahren wir an einem Haus vorbei, an welches ein beleuchtetes Schild angebracht ist und vor dem zwei Maenner diskutieren. In der Hoffnung, es handle sich um etwas Offizielles, kehren wir um und ich spreche einen der Maenner an. Mittlerweile kann ich auf dem Schild das Wort "Policia" erkennen und der Mann outet sich trotz Strickpullover als Dorfpolizist. Auf unsere Frage hin nach einem Fleckchen Erde fuer unser Zelt, weist er auf den benachbarten Dorfplatz, neben welchem auch gleich sein Wohnhaus liegt. Vor einer Woche haette auch schon ein deutscher Velofahrer dort uebernachtet und vor einiger Zeit japanische Motorradfahrer.

Zelten auf dem Dorfplatz
Der Ort heisst uebrigens nicht wie gemaess Landkarte erwartet "Cerrito", sondern benannt nach dem entsprechenden Eisenbahnabschnitt "EL49". Cerrito liege an der alten Strasse, welche etwas weiter drueben verlaufe, verraet uns der Dorfpolizist. 

Spaeter kommen noch Oscar und Luis vorbei, die uns anbieten, bei ihnen im Haus zu uebernachten. Sie stammen aus Santiago del Estero, sind nur temporaer fuer die Gemeinde EL49 taetig und haben dafuer ein Haeuschen zur Verfuegung gestellt bekommen. Da wir schon einige Zeit damit verbracht haben, unser Zelt auf dem steinigen Boden stabil zu errichten, lehnen wir das freundliche Angebot dankend ab. Neben einem kleinen Kaempfchen mit einem Strassenhund (bin froh um die Tollwutimpfung :-)  ), der unbedingt unser Vorzelt betreten will, scheint der Ort wirklich so "tranquilo", wie ihn der Polizist angekuendigt hat.

Abschied vom gastfreundlichen Dorfpolizisten
Die Hunde bellen zwar fast die ganze Nacht und werden am Morgen von den kraehenden Haehnen abgeloest, doch haelt uns dies nicht nachhaltig von der noetigen Erholung ab.
Am naechsten Tag starten wir bei 6ºC, was allerdings nach dem Herauskriechen aus dem Daunenschlafsack nicht mehr wirklich ein Problem ist, hat man sich wie wir genuegend mit warmen Kleidern eingedeckt. 
Trotzdem entscheiden wir uns, zuerst ein paar Kilometer zu fahren, um spaeter an der Waerme zu fruehstuecken. Nach 20km erscheint wie aus dem Nichts folgende Huette - kein Wunder heisst sie "Die Oase". 


Da brauchen wir nicht lange zu ueberlegen und bestellen ein Fruehstueck. Das Restaurant wird von drei aelteren Damen gefuehrt. Frisch gestaerkt fahren wir weiter nach Loreto, einer kleinen Provinzstadt.


In Santiago del Estero angekommen schlendern wir durch die Stadt. Die Sehenswuerdigkeiten sind relativ duenn gesaet und etwa 70km nach Santiago del Estero liegt der argentinische Spa-Ort "Termas de Rio Hondo". Wir entscheiden wir uns deshalb, am naechsten Tag weiter zu fahren und die Ruhepause in Termas de Rio Hondo zu verbringen.

Kirche in Santiago
Am fruehen Nachmittag erreichen wir die Termas de Rio Hondo. Die Stadt ist nichts Besonderes und wirkt eher schaebig. Es hat jedoch 170 Hotels in allen Preisklassen und mit verschiedenster Ausstattung. In jedes dieser Hotels wird das warme Thermalwasser gepumpt. Nicht jedes Hotel hat einen Pool oder einen Spabereich, doch  jedes Hotelzimmer hat mindestens so etwas wie eine Badewanne. So koennen die Gaeste privat ihr Thermalbad geniessen. In den Wintermonaten Juli bis August kuren in Termas de Rio Hondo vor allem aeltere Menschen mit Arthritis und Hautproblemen. Wir schauen uns Hotels in verschiedenen Preisklassen an - die Unterschiede sind gewaltig. Mit grossem Glueck finden wir ein preiswertes, sauberes Hotel mit Pool, Spabereich und einer zimmereigenen riesigen Sprudelbadewanne. Unser Badeszimmer ist sehr geraeumig. Wir geniessen diesen Luxus fuer 2 Tage und verwoehnen unsere Muskeln mit Thermalwasser und einer Massage.  Am Morgen im Fruehstueckssaal muessen wir schmunzeln - wir waehnen uns in einem Altersheim.


Zentraler Stadtplatz in Termas de Rio Hondo
Mittagessen zubereiten im Stadtpark neben unserem Hotel
Nach zwei Tagen des Entspannens fuehrt die Fahrt weiter zur Stadt San Miguel de Tucuman. Als kleinste Provinz Argentiniens ist Tucuman flaechenmaessig etwa so gross wie die Schweiz. Es wird uns bewusst, wie gross Argentinien ist.
Kurz vor der Einfahrt in die Stadt muss ich unbedingt aufs Klo und steuere die naechste Tankstelle an. Als ich vom Klo komme, sehe ich Felix umringt von etwa zwei Dutzend RentnerInnen. Schmunzelnd trete ich zu ihm. Es ist eine Reisegruppe und sie sind begeistert von unserer Reise. Auch ich werde in Beschlag genommen und wir muessen fuer ein paar Gruppenfotos posieren.

In San Miguel de Tucuman finden wir innert kuerzester Zeit ein Hostel und beziehen ein nettes Zimmer mit Balkon. Als wir unsere Velos und Taschen schon raufgeschleppt haben und nach dem Schluessel fragen, heisst es, sie haetten keinen mehr. Die vorherigen Gaeste haetten den letzten Schluessel mitgenommen. Sie wuerden jedoch am naechsten Tag einen Schlosser kommen lassen. Wir sind empoert und glauben nicht, dass der Schlosser am naechsten Tag wirklich kommen wird. Im Hostel in Cordoba hatten wir auch drei Tage vergebens auf den versprochenen Klempner gewartet, der unseren Radiator flicken sollte. Als wir mit dem Auszug drohen, bietet uns der Hostelbesitzer jenes Zimmer an, welches wir vorher bei der Zimmerwahl wegen fehlendem Fenster verschmaeht hatten. Da wir nach 90km keine Lust verspueren, noch ein anderes Hostel zu suchen, lenken wir ein, verlangen jedoch eine Preisreduktion fuer diese Nacht. Wir tragen alle Sachen ins andere Zimmer und gehen duschen. Doch siehe da, waehrend ich schon am Duschen bin, teilt der Hostelbesitzer Felix mit, in unserem ersten Zimmer sei ein neues Schloss montiert. Wir tragen also unseren ganzen Plunder wieder nach oben.

Wir verbringen zwei Tage in San Miguel de Tucuman und nutzen diese vor allem fuer Erledigungen. Beispielsweise stocken wir unsere Vorraete auf, lassen unsere Kleider waschen und bringen unsere Velos wieder auf Vordermann. Nach 4000km ist eine gruendliche Reinigung angesagt. Wir lassen uns die Ketten austauschen und bei Katja's Velo eine berggaengigere Kassette montieren.

Montag, 6. Juni 2011

Rosario - Armstrong - Bell Ville - Villa Maria - Oncativo - Cordoba


Am Sonntag fahren wir um 8 Uhr in Rosario los und halten Ausschau nach einem Café, um zu fruehstuecken.
Die Stadt ist um diese Zeit noch ziemlich verschlafen, die meisten Leute sind gerade auf dem Heimweg vom Ausgang. Das argentinische Fruehstueck, wie wir es kennengelernt haben, besteht meistens aus einem café con leche und 2 medialunas (kleine Croissants, salzig oder suess). Mit Wehmut denken wir an die brasilianischen Fruehstuecksbuffets zurueck, welche manchmal auch in einfacheren Hotels an ein Schlaraffenland erinnerten.

Ausfahrt Rosario mit Ziel Cordoba
Nach 25km treffen wir in Roldán ein. Da mein Cousin mit Nachname Roldán heisst, posiere ich fuer ein Foto. Ploetzlich haelt ein Auto hinter uns. Ein Mann mittleren Alters steigt aus, gruesst und betont, auch er reise sehr gerne. Gerade um die Ecke habe er eine Bar, er lade uns zu einem Fruehstueck ein. Dankend nehmen wir das Angebot an. Nebst einem interessanten Gespraech kommen wir so noch in den Genuss eines zweiten Fruehstuecks. Alejandro serviert uns Toast und leckere Orangenmarmelade.



Alejandro in seiner Bar in Roldán
Die Strecke nach Cordoba fuehrt durch die argentinische Pampa. Diese Landschaft hat trotz ihrer Monotonie durchaus auch ihre Vorzuege. Das Radeln wird jedoch mit der Zeit etwas eintoenig. Nebst riesigen Feldern und Kuehen gibt es nicht viel zu sehen. Zum Glueck haben wir beide unsere MP3-Player dabei. Mit Musik geht es sofort zuegiger voran. Die Strecke fuehrt alle 15 bis 20km durch ein Dorf, so haben wir immer genug Versorgungsmoeglichkeiten und koennen auch ab und zu einkehren. Obwohl die Strecke topfeben ist, geht es nicht immer einfach voran. An Tagen, wo wir mit dem Gegenwind zu kaempfen haben, fuehlen sich die Beine am Abend genau so an, als haetten wir einen Pass bezwungen.


Herbst in Argentinien
Nach Bell Ville erreichen wir die 3000km-Marke. Schnell legen wir eine Fotosession ein. 
3000km Marke erreicht...


Wir sehen einige Werbeplakete fuer gentechnisch veraendertes Saatgut. Diese Technologie scheint hier verbreitet zu sein.

Gentechnisch veraendertes Soja








In Oncativo schauen wir nach einem Nachtlager um. Als wir vor einem Hospedaje stehen und uns die Gastgeberin gerade erklaert, dass sie nur Langzeitgaeste aufnimmt, und wir auch nicht bei ihr zelten koennen, kommt Ramiro auf seinem Velo angefahren und bekommt dies mit. Er meint, er habe uns gesehen, als er sich ein Ersatzteil fuer seine Werkstatt besorgt habe. Er habe frueher Wettkaempfe geradelt und wir duerften gerne vor seinem Haus zelten. Am Abend am Kuechentisch erzaehlt er uns von seinen aktuellen Hobbys: Delta fliegen und Karate. Er sei nun 71 Jahre alt, mit 80 Jahren moechte er im Karate den schwarzen Gurt haben, bemerkt er mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
Ramiro in seiner Werkstatt
Am Folgetag erreichen wir unser Etappenziel Cordoba und pausieren fuer drei Tage. Gemuetlich schlendern wir durch die Gassen. Manchmal essen wir dazu ein Eis. Seit einiger Zeit haben wir die Eisdielenkette "Grido" entdeckt - eine Art Mc Donalds fuer Eis. Praktisch in jeder Stadt findet man mindestens eine Filiale und bekommt fuer Fr. 1.20  ein grosses Cornet mit einer riesigen Kugel Speiseeis. Bis wir alle Aromen durchprobiert haben sollte der Aufenthalt in Argentinien reichen :-)  .
In Cordoba gibt es einiges zu sehen, es hat viele Kirchen und eine ausgedehnte Fussgaengerzone.


Kathedrale

Messerschleifen mit Strampel-Power
Die Cousine von Felix's Vater, sowie ihre drei erwachsenen Kinder wohnen in Cordoba. Felix kennt einen Teil der Familie von seinem Argentinienaufenthalt vor 14 Jahren. In der Zwischenzeit ist viel Zeit vergangen und es gibt viel zu erzaehlen. Wir verbringen zwei sympathische Abende mit ihnen. Sie verwoehnen uns mit einem richtigen argentinischen Asado. Dieses beginnt mit einer gemischten Vorspeiseplatte (Wurst, Kaese) namens "Picada". Die Hauptspeise besteht aus riesigen Mengen von grilliertem Fleisch (Schwein, Rind, Poulet, Blutwurst...) Dazu werden diverse Salate serviert. Lecker!

Familienrunde
Gabriela ueberredet uns, am Sonntagabend mit ihr in den Tangokurs zu gehen. Nach kurzem Zoegern, nehmen wir die Einladung an und bereuen es nicht. Die Lektion macht richtig Spass! 

Freitag, 3. Juni 2011

Buenos Aires - Zárate - San Nicolás de Los Arroyos - Rosario

Nach einer erholsamen Woche in Buenos Aires ist wieder Spannung angesagt. Am Tag der Abreise besuchen wir zuerst noch unsere zwei letzten Stunden Spanisch-Unterricht.

Spanisch-Untericht bei der sympathischen Majo
Danach die letzten Sachen einpacken und ab an den Hafen zur Migrationsbehoerde - wir muessen abchecken, ob unsere Dokumente sicher vollstaendig sind, um nicht in abgelegenen Gebieten "mit heruntergezogenen Hosen" dazustehen. Als Katja bis um 11.30 immer noch nicht zurueck ist, werde ich langsam etwas unruhig. Das Institut fuer Kartographie schliesst gemaess Angaben des Automobilverbandes schon um 12.00 Uhr. Dort muessen wir naemlich noch topographische Landkarten fuer eine spaeter eingeplante Passfahrt besorgen...diese wird's wohl sonst in Argentinien nirgends mehr geben (haben wir zugegebenermassen etwas spaet gecheckt :-)  ). Als Katja endlich erscheint, rasen wir mit dem Velo durch Buenos Aires. Wir muessen feststellen, dass wir bis 12.00 Uhr das Institut mit dem Velo nicht mehr erreichen koennen, muessen wir uns doch zwischendurch auf dem Stadtplan orientieren. Katja ruft mir verzweifelt zu: "Felix, nimm doch ein Taxi, das ist unsere einzige Chance". Etwas wiederwillig winke ich dem naechsten Taxi und lasse Katja mit den Velos zurueck. Obwohl ich den Taxifahrer ueber die Situation aufklaere, will er mit mir locker ueber unsere Veloreise plaudern. Als die Fahrt immer laenger dauert, werde ich etwas misstrauisch: "Mir wurde gesagt, diese Strasse sei gleich in der Naehe - wieso fahren wir trotzdem so lange?" frage ich missmutig. "Schau, dort siehst du schon den Strassennamen Avenida Cabilda...wir sind gleich da", entgegnet er ruhig. Um 11.55 Uhr haltet mein Taxi vor dem Institut und ich stuerme rein.

Nichts und niemand sieht danach aus, als wuerde das Institut naechstens schliessen. Ich erfahre, dass wir nicht richtig informiert worden sind: Das Institut ist bis um 14.00 Uhr geoeffnet. Schliesslich werden mir meine gesuchten Karten ausgedruckt. Da dies inklusive Bezahlung doch einige Zeit in Anspruch nimmt, nehme ich fuer den Rueckweg auch ein Taxi. Nach meiner Rueckkehr ist Katja erleichtert, hat sie mich doch etwa eine halbe Stunde frueher zurueckerwartet.

Zu allem Ueberfluss  beginnt es jetzt auch noch zu regnen. Unser Tagesziel, vollstaendig aus Buenos Aires rauszukommen rueckt weiter weg.

Abfahrt aus Buones Aires im Regen
Nach einigen Geduldsproben kommen wir schliesslich nach unserer bisher kuerzesten Etappe von nur etwas mehr als 20km doch noch in San Isidro an, wo wir uebernachten.

Am naechsten Tag kommen wir ueber die Autobahn endlich wieder raus aufs Land. Wir fuehlen uns richtig frei. Das Schoenste am Flachland ausserhalb von Staedten ist, dass der Himmel offen ist, also weder von Bergen, Huegeln, Hochhaeusern oder anderen Objekten "eingeschraenkt" wird.


Unterwegs gehen wir in einem Tankstellenrestaurant einen Kaffee trinken. Wir werden von einem aelteren Ehepaar angesprochen. Sie laestern ueber die aktuellen Politiker und prophezeihen uns, wo auf unserer Route es am schoensten sein wird. Sie haetten schon das ganze Land bereist. Wir werden ab und zu angesprochen und nicht selten ueberkommt uns das Gefuehl, dass in Argentinien bei einer solchen Veloreise von Einheimischen Parallelen zur Motorradreise ihres grossen Che Guevara gezogen werden. Dies kann man auch an der Begeisterung erkennen, die uns jeweils auf den Strassen entgegengebracht wird. Die Leute winken uns, heben den Daumen und rufen uns "Suerte" oder "Buon viaje" zu. Fuer Leser, welche auf einfache Weise mehr ueber die lange Motorradreise des jungen Che erfahren wollen, kann der Film "The Motorcycle Diaries" empfohlen werden.

Heute uebernachten wir in einer Provinzstadt namens Zarate. Hier in der Naehe stehen wichtige Industrien, wie die Brauerei des "Quilmes", Bier der Nation, oder die Herstellungsstaette des beliebten Pickups "Hilux" von Toyota.

 Leider zu wenig Sprungkraft...
Es faellt uns mittlerweile immer weniger schwer, lange Distanzen mit dem Velo zu bewaeltigen. Wir merken jedoch, dass die koerpereigenen Vorraete nicht mehr so gross sind wie anfangs Reise. Alle 10km essen wir etwas Kleines, um unter anderem den Blutzuckerspiegel bei der taeglichen Ausdauerleistung nicht in den Keller sinken zu lassen.

Unterwegs sehen wir seit mittlerweile hunderten von Kilometern staendig Wahlplakate und Wahlsprayereien - dies fuer Praesidentschafts-Wahlen, die erst im Oktober stattfinden...unglaublich. Nachdem wir aus Buenos Aires kommen, wo nicht wenige Leute ihr Essen aus den Abfallcontainern fischen, tauchen beim Anblick dieser Wahlpropaganda auch bei einem Nicht-Che Guevara Fragen auf.

Dank Katja's Orientierungssinn finden wir am naechsten Morgen schnell aus Zarate raus und starten zur mit 149km zweitlaengsten Etappe unserer bisherigen Reise.

Morgendliche Abfahrt aus Zárate
Es faellt auf, dass wir am Morgen mit den kuehlen Gelenken (morgens bei Abreise ist es momentan etwa 10ºC) kaum vorwaertskommen, es aber gegen Nachmittag immer besser laeuft. Zusaetzlich motiviert durch das Nahen des Zieles der Monsteretappe faehrt Katja auf einmal so schnell (in ihrem Rueckspiegel kann ich einen Big-Smile auf ihrem Gesicht erkennen :-)  ), dass ich ihr zurufen muss sie solle etwas "Gas wegnehmen", da sie sonst Gefahr laufen koennte, Kreislaufprobleme zu kriegen.

Kurz vor unserem Tagesziel St. Nicolas de Los Arroyos sehen wir einen idyllischen Zeltplatz an einem Fluss - diese Gelegenheit nutzen wir, nicht zuletzt auch zur Budget-Sanierung.
 
Nachtlager kurz vor San Nicolás
Die naechste Etappe soll uns in die Staatshauptstadt von Santa Fe bringen. Rosario wird von 1.2 Mio. Menschen bewohnt und ist als drittgroesste argentinische Stadt (nach Buenos Aires und Córdoba) wichtiges Industrie- und Exportzentrum.

Die Ruta 9 fuehrt uns direkt ins Stadtzentrum. Auch wenn ein Seitenstreifen, wo ueberhaupt existent, in schlechtem Zustand oder mit hinterlistigen Asphalt-Buckeln versehen ist, kommen wir verhaeltnismaessig leicht per Velo in die Grossstadt. Die Orientierung wird einem in diesen Staedten einfach gemacht, da die Strassen in einer rechtwinkligen Matrix angeordnet sind. Die Strassennamen sind auch immer etwa die gleichen: "Entre Rios", "Montevideo", "Paraguay" - um nur einige zu nennen. Katja und ich sind bei der Suche von Adressen ein gutes Team - waehrend sie meist das vertiefte Kartenstudium vorzieht, quatsche ich die Leute an und lasse mir den Weg erklaeren. Diese Informationsbasis war bis jetzt noch immer zielfuehrend. Katja's GPS-Geraet ist eher auf dem Lande wertvoll, da es keine Karte, sondern lediglich eingespeicherte Punkte und einige wenige geographische Informationen wie Fluesse anzeigt.

Die Hostelsuche gestaltet sich trotz vorbereiteter "Abklapperungsliste" etwas schwieriger, da unser Favorit besetzt ist und bei anderen Preis oder anderes nicht stimmen. Wir haben uns (solange moeglich) gegen Reservationen entschieden - erstens, da man die Ankunft an einem Ort nur zu einem gewissen Grad voraussagen kann und noch mehr, weil man Preis/Leistung in der Regel erst vor Ort verlaesslich erkennen kann. Der Fragenkatalog beim Betreten eines Hotels/Hostels hat sich seit Anfang Reise schon merklich erweitert. Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass zum Beispiel die Frage nach heissem Wasser zum Duschen oder jene nach der Zusammensetzung und Menge des Fruestuecks keineswegs fehl am Platz ist. Wird weniger geboten, ist dies fuer eher unkomplizierte Leute wie uns selten ein Problem. Wichtig ist aber, dass sich dieser Mangel dann auch im tieferen Preis niederschlaegt.

Rosario hat uns als Stadt positiv ueberrascht. Klar gibt es in solchen Grossstaedten immer auch viel zu viel Elend, doch bietet Rosario ein schmuckes Stadtzentrum mit Parks, Denkmaelern (zum Beispiel das Geburtshaus des Che Guevara oder das Bandera-Monument), Restaurants, haufenweise gemuetlicher Cafés und mit der "Córdoba" eine attraktive Einkaufsstrasse. 

La Bandera-Monument in Rosario