Nachdem wir die Annehmlichkeiten von Cafayate ausgiebig genossen haben, geht's wieder weiter. Als naechstes grosses Ziel liegt Salta auf unserem Programm. Dorthin gibt es zwei Hauptrouten. Eine fuehrt durch das Valle de Lerma mit der bereits per Bus besichtigten Quebrada de las Conchas, der andere durchlaeuft unter anderem die bekannten Flechas und geht auch ueber den touristischen Ort Cachi. Wir waehlen Variante zwei, da wir die Hauptattraktion der ersten Route schon besichtigt haben und die zweite Variante mit den zahlreichen nichtasphaltierten Strassenabschnitten und dem 3400er-Pass ueber "La Piedra del Molino" ein gutes Training fuer unsere spaeteren Plaene ist.
In Dunkelheit und eisigen -4ºC fahren wir aus Cafayate los. Das noch vom Hostalzimmer erwaermte Velothermometer will nicht aufhoeren, die Temperaturanzeige staendig nach unten zu korrigieren. Da wir die Kaelte nicht in dem Ausmass erwartet haben, muessen wir unterwegs unsere Kleidung etwas aufstocken. Ein Schwachpunkt sind sicher die bei den Cleats nicht vollstaendig geschlossenen Veloschuhe. Hier kann man aber mit einer Kombination von warmen Socken und Windstopper-Socken gut Abhilfe schaffen.
Kurz nach der Gemeinde San Carlos hoert der Asphalt auf. Die Ruta 40 ist von nun an wohl noch befestigt, aber nur noch mit einem Kiesbelag versehen.
Das heisst, das ist, was wir gemaess Karte erwartet haetten. Anfangs stimmt dies auch noch weitgehend und das Fahren ist kein Problem. Spaeter jedoch besteht der Belag auf Streckenabschnitten von teilweise ueber 100m groesstenteils nur noch aus bis dezimetertiefem Sand. An solchen Stellen muessen wir unsere Raeder schieben, da dies schneller und mit weniger Anstrengung geht, als das Trampeln im tiefen Sand.
Wir durchqueren zahlreiche kleine Doerfchen oder Weiler, die teilweise auf unserer Karte nicht mal aufgefuehrt sind. Obwohl die Doerfer im "Footprint"-Guide richtigerweise als "unspoiled villages" gefuehrt sind, hat hier das globalisierte Leben auch schon Einzug gehalten. Auch bei einfachen Haeuschen sieht man vielfach eine Satellitenschuessel im Garten und einen Pickup oder haeufiger ein Motorrad vor der Tuere. Als Kontrast dazu habe ich in einigen Gaerten an der Waescheleine direkt neben der Waesche oder der auszulueftenden Matratze das ungegerbte, blutige Fell einer frischgeschlachteten Ziege beobachtet. Auffallend ist der fast ausnahmslos bedeutend bessere Zustand der Kapellen/Kirchen im Vergleich zu den Haeusern. Viele Haeuser wirken verlassen.
Sehr deutlich wird uns heute wieder mal vor Augen gefuehrt, dass "Wasser = Leben" keine leeren Worte sind. Um die Bewaesserungsgraeben waechst allerhand Gruenzeug. Wo nicht bewaessert ist die Landschaft sehr karg. Auch diese Kargheit besitzt jedoch ihren Reiz, wie man auf den Photos unschwer erkennen kann.
Obwohl wir schon die Quebradas von Cafayate sehen durften, beeindrucken uns die orangen Felsen und das Licht-/Schattenspiel ueber ihre Ecken und Kanten noch immer. Als Junge habe ich etliche Buecher von Karl May regelrecht verschlungen. Waehrend wir mit dem Velo durch diese eindrueckliche Gegend fahren, kann ich mir lebhaft vorstellen, wie die Protagonisten der Karl May-Geschichten durch aehnlich markante Landschaften geritten sind. Da ich mir diese Kargheit der Umgebung nicht gewoehnt bin, kommt mir die Landschaft schon fast etwas unwirklich vor.
Nach den orangen Felsen mit eher rundlichen Formen wechselt das Landschaftsbild kontinuierlich zu eher grau-beigen, zackigen Felsen. Dazu gehoeren auch die sogenannten "Flechas", welche eine der Hauptattraktionen der gewaehlten Route sind.
Die heutige Etappe endet in Angastaco. Als wir das beschauliche, rausgeputzte und in eine unvergleichlich besondere Bergwelt eingebettete Doerfchen sehen, wundern wir uns, dass der Tourismus noch nicht staerker Einzug gehalten hat.
Etwas ausgehungert gehen wir in den naechsten offenen Comedor ein Milanese Completa (Argentiniens Standardmenu: paniertes Schnitzel mit Pommes Frites) essen. Nach dem Essen unterhalten wir uns noch etwas mit dem Wirt und erfahren so per Zufall, dass wir uns bei der kommenden Etappe einiges an Muehe sparen koennen, wenn wir nach Molinos einen kleinen Umweg fahren. Damit koennen wir eine Huegelkette umfahren, welche auf der Ruta 40 mehr oder weniger schonungslos haette durchfahren werden muessen.
Am naechsten Morgen geht's einmal mehr im Dunkeln los, da wir schon einen Grossteil der Tageskilometer zurueckgelegt haben wollen bevor ein allfaelliger Mittagswind aufkommt.
Das Fahrgefuehl ist auch besser, wenn man das Tagesziel ohne den Zeitdruck des abendlichen Eindunkelns erreichen kann. Die Kehrseite ist allerdings das nicht ganz einfach im Dunkeln zu befahrende Gelaende. Neben dem Zeitgewinn werden wir dafuer aber auch mit der traumhaften Morgenstimmung um die umliegenden Felsen belohnt.
| Morgenstimmung nach den ersten Kilometer |
Obwohl die Umfahrung des Comedor-Wirtes nicht auf unserer Karte eingezeichnet ist, vertrauen wir seiner Aussage und folgen nach Molinos nicht dem Schild mit dem Tagesziel Cachi, sondern biegen rechts ab. Als die Strasse immer weiter in die "falsche" Richtung fuehrt, werden wir doch etwas argwoehnisch und fragen Anwohner, ob man auf diesem Weg wirklich nach Cachi kommt - sicher ist sicher. Nach der positiven Antwort fahren wir weiter und langsam aber sicher wird uns mit einem Seitenblick auf die Huegelkette neben uns bewusst, was wir wohl dank des Tips vom Comedor-Wirt an Muehe eingespart haben. Seit Angostaco liegt zu unserer Rechten das Gebiet des Nationalparks "Parque National de los Cardones".
Eine Schrecksekunde gibt es, als Katja schon etwas ermuedet neben die Pedale steigt und sich an dieser eine leichte Prellung holt. Dies tut zwar kurzfristig weh, wird aber bald verheilen.
Auf der Karte haben wir da noch einen Ort vor Cachi entdeckt, wo wir jemanden fragen koennten, ob wir unser Zelt in seinem Garten aufstellen koennen. Seclantás ist auf unserer Karte mit der gleichen Schriftgroesse gefuehrt wie Angostura, einer Gemeinde, bei der wir kurz vorher durchgefahren sind. Dort gab es lediglich eine Kirche und etwa fuenf Haeuser. Wir machen uns also fuer Seclantás keine Illusionen ueber Uebernachtungsmoeglichkeiten. Umso ueberraschter sind wir, als wir um eine Ecke biegend ploetzlich ein richtiges Dorf sehen. In einem einfachen Spezialitaetenrestaurant essen wir ein Maisgericht und campen auf dem Campingplatz der Gemeinde.
Da Chachi in nur etwa noch 40 km Entfernung von Seclantás liegt, leisten wir uns am Folgetag eine spaete Abreise. An der Zeltdecke haben sich Eiskristalle gebildet. Wir stellen das Zelt also noch etwas an die Sonne und koennen es so dann einigermassen trocken einpacken.
Bei der heutigen Etappe ist ab Mitte Morgen die Strassenqualitaet weitgehend gut und die Strasse so angenehm zu befahren. Trotzdem kann man zum Beispiel beim Vorbeifahren eines Lastwagens vom aufgewirbelten Staub des unasphaltierten Grundes ganz schoen eingestaubt werden.
Auf der Karte haben wir da noch einen Ort vor Cachi entdeckt, wo wir jemanden fragen koennten, ob wir unser Zelt in seinem Garten aufstellen koennen. Seclantás ist auf unserer Karte mit der gleichen Schriftgroesse gefuehrt wie Angostura, einer Gemeinde, bei der wir kurz vorher durchgefahren sind. Dort gab es lediglich eine Kirche und etwa fuenf Haeuser. Wir machen uns also fuer Seclantás keine Illusionen ueber Uebernachtungsmoeglichkeiten. Umso ueberraschter sind wir, als wir um eine Ecke biegend ploetzlich ein richtiges Dorf sehen. In einem einfachen Spezialitaetenrestaurant essen wir ein Maisgericht und campen auf dem Campingplatz der Gemeinde.
| Stilleben in Seclantás |
| Zeltplatz von Seclantás |
| Katja im Staub (schwarzer Punkt rechts) |
Da wir wegen dem guten Strassenzustand schnell vorwaertskommen, erreichen wir Cachi schon Mitte Nachmittag. Schon einige Kilometer vor Cachi sehen wir im Hintergrund den ueber 6000 m hohen Hausberg dieses Ortes namens Nevado de Cachi.
| Einfahrt in Cachi mit Sicht auf den Nevado de Cachi (6380 m.ue.M.) |
In Cachi angekommen treffen wir auf eine Seniorenreisegruppe aus Buenos Aires, die uns gleich in Beschlag nimmt. Die aelteren Damen und Herren loechern uns mit Fragen, wollen mit uns Photos schiessen und empfehlen uns den Chivito der benachbarten Gartenbeiz, die sie eben verlassen haben. Wir finden ueber die Preisliste der Touristen-Information ein guenstiges Hotel und gehen nach Zimmerbezug in eine Einheimischenknelle essen. Der Fernseher laeuft ununterbrochen und nur ein Thema interessiert: Eine der renommiertesten Fussballmannschaften Argentiniens namens "River Plate" ist in die Nationalliga B abgestiegen, was fuer die einen Weltuntergang und fuer die anderen Fest des Jahrhunderts bedeutet. Es verwundert daher nicht, dass am Fernsehen blutige Koepfe von den resultierenden Krawallen gezeigt werden.
Bei der Abfahrt am naechsten Morgen misst mein Thermometer die Rekordminustemperatur von -5ºC . Nachdem wir in Payogasta Tortillas fuers Gipfelfruehstueck gekauft haben, ruesten wir noch kleidermaessig etwas auf und nehmen den Pass in Angriff.
Nach einer langen Gerade mit einer Steigung von nur 3% schlaengelt sich die Strasse den Berg hinauf. Der Himmel ist klar und der Ausblick auf die umliegenden Berge wie im Bilderbuch. Die Strasse ist von Kakteen gesaeumt.
Auf 2900 m.ue.M. sehen wir tatsaechlich noch ein kleines Bauerngut mit Maisfeld vor der Tuere.
| Maisanbau auf 2900 m.ue.M. (links unten) |
Etwas nachher entdecke ich an der Felswand ein "Willkommen..." mit weissen Steinen geschrieben.
Die bekannte "Recta Tin Tin" ist eine beeindruckend lange Gerade von 14 km auf einer Hoehe von fast 3000 m.ue.M. . Zu unserer Linken liegt ein ganzes Feld von Kakteen.
Auf der Recta Tin Tin hat's zum ersten Mal heute etwas Gegenwind, was aber in der gegebenen Staerke nicht gross stoert. Als wir mit fast 30 Stundenkilometern ueber den Asphalt brettern, stoeren wir einen Esel, der eben mitten auf der Strasse seine Partnerin begatten will. Etwas verstoert verzieht sich der Eseltross.
Nach der Recta Tin Tin schlaengelt die Strasse wieder und schon nach der ersten Kurve bietet sich vom Aussichtspunkt "Mirador Vista del Condor" ein grandioser Blick ueber die Zwischenebene mit der Recta Tin Tin.
Auf der Hoehe von etwa 3300 m.ue.M. picknicken wir, da wir wegen der Anstrengung in der duennen Hoehenluft eine Pause brauchen und es wohl auf dem Gipfel selbst sowieso zuviel Wind fuer ein gemuetliches Paeuschen hat.
Nach nochmals einer Gerade schlaengelt die Strasse erneut und der Gipfel kommt und kommt einfach nicht.
| Ob Blick nach vorne oder hinten: Eine Strasse wie ein gespanntes Seil |
Mit den Kilometerangaben ist es so eine Sache. Die Verkehrsschilder wiedersprechen sich haeufig, weshalb wir uns in der Regel lieber auf unsere Karte verlassen, welche nicht sehr praezise, aber doch meist nicht allzu falsche Angaben liefert.
Als wir endlich auf dem Gipfel beim Piedra del Molino angekommen sind, erwartet uns nach ein paar Gipfelphotos die langersehnte Abfahrt von 3457 m.ue.M. bis runter auf etwa 1100 m.ue.M. . Die ersten Kilometer bereiten am meisten Spass, da sie asphaltiert sind.
Der unasphaltierte Teil nimmt dann einiges an Konzentration in Anspruch und die vorbeifahrenden (allerdings wenigen) Fahrzeuge huellen uns in eine Staubwolke. An schattigen Stellen liegt sogar noch etwas Schnee und die Luft ist bitterkalt.
Sehr willkommen ist uns da ein Comedor am Strassenrand, wo wir uns an einem Kaffee waermen. Die Aussicht wird eigentlich trotz sinkender Meereshoehe beeindruckender, da wir jetzt die Cuesta del Obispo, ein Tal mit gruenen und orangen Felsen, durchfahren.
Ein Blick auf die Uhr belehrt uns, dass wir es heute nicht mehr zum naechsten Ort schaffen, was Campen in der Wildnis bedeutet. Die Dornbuesche neben der Strasse bieten optimalen Sichtschutz. Der einzige Wehrmutstropfen sind die Dornentriebe auf den potentiellen Zeltflaechen, die ich schliesslich mit der Saege meines Sackmessers wegschneide. Nach dem Eindunkeln zeigt sich der klare Sternenhimmel von seiner schoensten Seite. Einen Zeltplatz mitten in einer Landschaft von Kakteen und orangen Felsen ist schon was ganz Besonderes.
Die restlichen 70 km nach Salta spulen wir muehelos ab, da die Strecke fast gaenzlich geradeaus oder herunter fuehrt. In El Carril essen wir fuer sage und schreibe nur je 11 Peso ein Mittagessen mit Suppe - die Preisunterschiede bei Speisen sind auch innerhalb von Argentinien bedeutend.
In Salta finden wir unser vorreserviertes Hostel (ab 4. Juli ist Argentiniens Ferienanfang, zudem ist Salta einer der Austragungsorte des Copa America) dank "Footprint"-Guide ohne Probleme. Salta ist eine schoene Stadt mit vielen historischen Gebaeuden. Nachfolgend einige Impressionen...
| Kirche San Francisco |
| Stadtpark San Martin |
| Bahn (Schweizer CWS-Produkt) auf den San Bernardo oberhalb Salta |
| Gebaeude des Mercado de Artesanía |
| Maerkte mit Souvenirs gibt es einige |
| Einkaufsmeile "Florida |
Fuer uns steht in Salta die Erholung von den vergangenen Etappen an erster Stelle. Wegen Schneefaellen in der Hoehe ist noch nicht ganz klar, wie unsere Reise weitergehen wird. In Argentinien und den Nachbarlaendern gibt es aber so viel Schoenes und Spannendes zu sehen, dass wir uns fuer unsere Weiterreise keine Sorgen machen. Kann ein Plan nicht realisiert werden, so entstehen neue Moeglichkeiten, die man sich gar nie ertraeumt haette - Flexibilitaet und Spontanitaet gehoert zum Radreisen wie die Raeder zum Fahrrad.